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Havanna noch einmal sehen, vor dem Ansturm

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Cuba

Barack Obama hat das möglich gemacht, was vor ihm über Jahrzehnte hinweg kein Präsident der USA angehen wollte. Kuba von der Liste der „ewigen“ Terrorländer zu nehmen und einen Dialog zu eröffnen, an dem am Ende eine normale diplomatische Beziehung steht. Bis dahin und bis zur Aufhebung aller Embargos wird es aufgrund des republikanischen Widerstandes in den USA noch einige Zeit dauern, aber schon jetzt bestehen Reiseerleichterungen für US-Bürger, die einmal das Land besuchen möchten. Das Land, das vor 1959 unter dem Diktatur Batista für US-Bürger Ferienparadies und Spielhölle zugleich war. Genau genommen müsste sich der Staat Nevada und die Stadt Las Vegas bei Fidel Castro und Che Guevara bedanken. Denn ohne deren Revolution hätte es das Spielerparadies in der Wüste vermutlich nie in diesem Ausmaß gegeben.

Havanna und die ganze Insel Kuba versank nach dem Umsturz und der Zuwendung zur Sowjetunion dank der massiven US-Blockaden in eine Art Dornröschenschlaf, in dem Architektur und Motorisierung der 1940er- und 50er-Jahre nicht direkt konserviert, aber doch auf liebevolle Weise bewahrt wurden. Dies wird in den nächsten Jahren verschwinden. Mit der Öffnung beginnt einerseits eine massive Modernisierung der Gebäude und andrerseits werden gerade US-Bürger die Raritäten aufkaufen, die sich jetzt noch auf Kubas Straßen bewegen. Autos aus der großen Zeit der Straßenkreuzer, von den Kubanern mangels Alternativen über 50 Jahre lang gehegt und gepflegt.

HavanaAber das allein ist es nicht. Noch besitzt gerade die Hauptstadt Havanna ein unglaubliches Flair aus vergangener Größe und einer gelassenen Morbidität, wie sie nur unter karibischer Sonne entstehen kann. In den teils verfallenen Gassen und Avenuen zu flanieren, den Menschen bei ihren Tätigkeiten zuzusehen, auf den Klang von Merengue oder Salsa zu hören, der aus einem Fenster dringt und einfach diese Atmosphäre auf sich einwirken lassen. Noch ist es möglich, im Vorbeigehen in all die kleinen Geschäfte einen Blick zu werfen, die sich selbst in kommunistischer Planwirtschaft ihre Nische gesucht haben und dank kubanischer Toleranz weitgehend in Ruhe gelassen wurden. So wie die kleine Druckerei, deren Eigentümer auf einer über 100 Jahre alten deutschen Maschine einfache Flugblätter drucken, vermutlich wenig davon wissend, was individuelle Drucklösungen sind, die moderne Druckereien heute anbieten können.

Oder ein Spaziergang unter den schattigen Bäumen der ehemaligen Prachtstraße Paseo de Marti, vom Malecon, der Uferpromenade, hinauf zum Capitol der Stadt, vorbei an Schachspielern, eifrig diskutierenden Habaneros und den überall zu findenden Schuhputzern. Östlich davon beginnt die Altstadt mit Museen, Kirchen und Bodegas, gepflasterten Plätzen und traumhaft stillen Winkeln, in denen manchmal Brunnen leise vor sich hinplätschern.

Das alles wird bald der Vergangenheit angehören, darum bedarf es etwas Eile, um Havanna vor dem endgültigen erwachen aus dem Dornröschenschlaf zu erleben.